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Die Maronenverkäuferin

Vor ein paar Wochen war ich mit einer Freundin am Wochenende in Berlin spazieren. Wir hofften einen Maronenstand zu finden und und jedem einige leckere heiße Maronen zu gönnen. Endlich entdeckten wir im Mauerpark eine Maronenverkäuferin und stellten uns in die Schlange. Die Geschichte, die sich dann entwickelte ist einfach zu wertvoll um sie hier nicht wiederzugeben. Denn sie kann sehr gut dazu anregen, über uns und unseren Bezug zur Arbeit nachzudenken.

Wir standen also etwa fünf Minuten in der Schlange an. In dieser Zeit unterhielt sich die Maronenverkäuferin mit dem Kunden vor uns während wir alle darauf warteten, dass die Maronen durch sind. Das Gespräch handelte vor allem auch von der Frage der richtigen Schnitttechnik. Der Kunde vor uns hatte nämlich bemerkt, dass die Maronenverkäuferin die Maronen nur einfach und nicht wie sonst oft üblich kreuzweise und damit zweifach einschnitt. Sie bestätigte dies mit dem Hinweis, dass sie sich auch so gut öffnen würden. Und doppelt einschneiden wäre ja doppelt so viel Arbeit. Bemerkenswerter Weise legte sie in dieser Zeit keine Maronen nach oder bereitete welche vor, indem sie sie einschnitt.

Der Kunde vor uns kaufte schließlich 100 Gramm Maronen und wir waren an der Reihe. Inzwischen hatten sich etwas ein Dutzend Menschen hinter uns angestellt und wollten ebenfalls Maronen kaufen. Ich bat um 300 Gramm Maronen auf zwei Packungen verteilt. So viel könne sie uns nicht geben bekam ich als Antwort. Lediglich 100 Gramm Maronen wären verzehrfertig. Auf weitere müssten wir etwa 10 Minuten warten.

Innerliches Kopfschütteln. Wie konnte das sein? Hinter uns standen genügend Leute an, die ihr ein bis zwei Kilo Maronen abkaufen würden. Und sie hatte nicht mehr als 100 Gramm bereit? Und sie hatte seit wir am Stand anstanden nicht einmal nachgelegt obwohl auf dem Gasgrill durchaus noch genügend Platz gewesen wäre.

Richtig spannend wird es aber, wenn man noch das Verkaufsschild mit betrachtet: Dort wurden Portionsgrößen zwischen 100 und 500 Gramm angeboten. Aber sie hatte zu keinem Zeitpunkt 500 Gramm Maronen auf dem Grill liegen. Käme also jemand der wirklich 500 Gramm ordert, so müsste sie diese erst einmal zubereiten, was etwa 25 Minuten dauert und wäre danach wohl weitere 25 Minuten ohne Ware für andere Kunden.

Noch mehr innerliches Kopfschütteln.

Versteht mich nicht falsch: Jeder darf so entspannt und viel oder wenig arbeiten, wie er möchte. Aber sollte ich dann nicht mein Geschäft auch darauf ausrichten? Sie kann die Maronen ja gerne stückweise verkaufen. Aber wer 500 Gramm Maronen auf sein Preisschild schreibt und nie mehr als 100 Gramm liefern kann, sollte darüber mal nachdenken. Und die Maronenverkäuferin hätte locker die doppelte bis dreifache Menge umsetzen können – ohne sich zu überarbeiten. Und dann vielleicht einfach ein oder zwei Tage ganz frei machen, wenn sie mit weniger Geld auskommt als sie an dem Tag verdient hat. Das wäre dann noch entspannter.

Tipp: Ich weiß bei mir selbst dank ehrlichen Feedbacks von zwei wichtigen Punkten an denen ich gerade versuche besser zu werden. Frage Menschen, mit denen du zu tun hast, wo sie über dich innerlich den Kopf schütteln. Gute Freunde oder Geschäftspartner geben einem da ehrliche Antworten und helfen einem gerne, Dinge zu erkennen, die wir selbst bei uns nicht wahrnehmen können.

Foto: Jan Theofel (bei einem anderen Maronenverkäufer, der offensichtlich viel mehr Maronen verkauft)

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