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Selbstfindung/Selbsterfahrung - Session auf dem lifeworkcamp

Auf dem lifeworkcamp habe ich zusammen mit Mika und Michael eine Session zum Thema Selbstfindung und Selbsterfahrung gehalten. Abend boten Mika und ich dann eine Sharing-Runde an und tun dies auch regelmäßig im Raum Stuttgart. Hier möchte ich einige der darin besprochenen Punkte zusammenfassen und ergänzen.

Was wir mit dem Thema zu tun haben

Ausgangspunkt der Reise zu uns selbst war für uns drei jeweils das Seminar "Wer bin ich wirklich", dass es aktuell nicht mehr gibt. Michael hat es über vier Jahre besucht, bei mir waren es knapp zwei Jahre und bei Mika etwas mehr als ein Jahr. Bei mir war es so, dass ich vorher keinerlei (bewusstes) Interesse an Spiritualität hatte. Und wenn man so will, ist die Sharing-Technik (dazu unten mehr), die wir dort eingesetzt haben, auch mehr Selbstverwirklichung. Man muss also kein besonders spirituell aufgeschlossener Mensch für Sharing sein - aber schaden tut es auch nicht.

Für meine Einstieg kamen zwei Dinge zusammen: Einmal körperliche Beschwerden die immer mehr zunahmen und für die klassische Mediziner keine befriedigenden Antworten für mich hatten. Darunter die "Klassiker" wie Asthma, Heuschnupfen, Sodbrennen, Hauptprobleme, … Alles keine "großen" Sachen unter denen ich massiv gelitten hätte - aber unbefriedigend war es dennoch.

Dazu kam für mich ein Gefühl, dass es da "noch etwas anderes gibt". Ein freieres, lebendigeres, glücklicheres Leben. Nicht das ich mich damals unglücklich fühlte, nein. Im Gegenteil, mein Eindruck war, dass es mir richtig gut ginge. Nur dass ich eben eine Ebene erahnte, die ich kennenlernen wollte.

Grundgedanken zu Mustern und Rollen

Bevor ich auf die Technik des Sharings eingehe, möchte ich ein paar grundlegende Überlegungen voraus schicken: Bei dieser Arbeit gehen wir davon aus, dass wir uns im Laufe unseres Lebens mehr oder weniger unbewusste Verhaltensweisen antrainiert haben. Das geschieht bereits in frühester Kindheit und dient beispielsweise dazu, unangenehme (also beispielsweise schmerzhafte oder peinliche) Situationen zu vermeiden. Diese Reaktionen zeigen wir auch heute noch als erwachsene Menschen. Und zwar wie einen Reflex ohne darüber nachzudenken.

Später kommt zu den Muster, die wir selbst "programmieren", noch die Prägung durch die Außenwelt: Die (gut gemeinte!) Erziehung durch Eltern, Erzieher und Lehrer, das soziale und gesellschaftliche Umfeld in dem wir aufwachsen, Gruppen in denen wir uns befinden, erste Beziehungspartner, …

Nun begegnen uns in unserem Leben immer wieder Menschen, die mit der damaligen Situation gar nichts zu tun haben, aber die passenden Knöpfe bei uns "drücken" und unsere alten Verhaltensweisen werden unbewusst und automatisch abgespult. Wir sind quasi wie programmierte Roboter, die immer wieder die gleiche Software laufen lassen. Wir werden angepasst, vorhersehbar und irgendwie unlebendig.

Bei all dem spielen wir verschiedene Rollen (Kinder, Eltern, Freunde, Beziehungspartner, Kollege, Chef, …) und versuchen dabei Anforderungen an uns zu erfüllen. (Warum eigentlich? Was passiert, wenn wir das nicht tun?)

Insgesamt verhalten wir uns durch alte Muster und Rollen nicht natürlich. Wir verstellen uns, verleugnen unsere Wünsche und unterdrücken unsere natürlichen Reaktionen. Das kostet viel Kraft, macht uns unglücklich und schränkt unsere Leistung ein.

Sharing zur Bewusstwerdung von Mustern und Rollen

Das Auflösen dieser Muster und Rollen ist in der Theorie relativ einfach: Sobald wir uns ihrer bewusst werden, können wir anfangen, uns anders zu verhalten. In der Praxis ändert sich das Verhalten nicht sofort sondern immer schrittweise. Je länger man sich eines Themas, dass hinter diesen Mustern und Rollen liegt, bewusst ist, desto öfter kann man bewusst agieren statt nach alten Mustern zu reagieren.

Mit der Zeit ist man geübt, sich immer genauer selbst zu beobachten. Auch das Training, sein Verhalten zu verändern nimmt mit der Bewusstwerdung immer weiter zu, so dass man mit etwas Erfahrung durchaus manche Themen auch sofort ablegen kann. Da wir selbst aber oft nicht in der Lage sind, Muster und Rollen selbst zu erkennen (während wir noch in ihnen "gefangen" sind), helfen hier Rückmeldungen von anderen.

Genau hier setzt das Sharing an: Menschen, die sich gegenseitig darin unterstützen möchten, treffen sich in einem vertraulichen Rahmen und reden über ihre aktuelle Situation. Im Wesentlichen beschreiben wir dabei, wie es uns geht, also was wir fühlen. Dann welche Handlungen daraus erfolgen - oder nicht, obwohl wir diese gerne durchführen würden. Und wie wir uns damit fühlen.

Ja, wir sind es normal nicht gewohnt, offen über Gefühle zu sprechen. Aber beim Sharing tun wir genau das. Mit (anfänglich) fremden Menschen. Haben wir es dort gelernt, können wir das auch in der Öffentlichkeit leichter und "fressen" so Gefühle nicht mehr in uns hinein sondern (er)leben sie. Keine Sorge, dass kann jeder. Ich hatte zu meinen Gefühlen am Anfang auch gar keinen Zugang. Wenn ich das geschafft habe, schaffst du das auch!

Auf diese Schilderungen reagieren die anderen Teilnehmer mit Feedback. Man sagt der Person, wie man sie von außen wahrnimmt, welche Gefühle man bei ihr währenddessen wahrnimmt und auch wie man selbst darauf reagiert. (Beispielsweise: "Ich werde total traurig wen du von … erzählst.")

Dieses Feedback hilft bei den Sharings, sich seiner Situation, Reaktionen, Muster und Gefühle bewusster zu werden. So ergeben sich neue Blickwinkel und alte Muster und Konditionierungen können nach und nach fallengelassen werden. Oftmals bleibt das Thema bestehen, aber die Person kann bei der nächsten Situation genauer hinschauen, sich selbst besser beobachten und sich so neu erleben. Das kann in der nächsten Sharingrunde wieder angesprochen und vertieft werden.

Wichtig beim Sharing ist, dass es nicht um konkrete Tipps oder Verhaltensempfehlungen geht. Es ist kein Coaching sondern die Teilnehmer dienen sich gegenseitig als Spiegel. Genau wie dort können wir viele Dinge im Spiegel erst richtig erkennen. Auch sollte man mit dem Feedback nie eine Absicht verfolgen, unbedingt wollen, dass der andere etwas erkennt, oder sich anders verhält. Eben wie ein echter Spiegel auch keine Erwartungen an die Person vor ihm hat.

Ein weiterer Aspekt des Sharings ist, dass wir oft ähnliche Themen haben. Berichte ich von einem meiner Muster, kann das anderen helfen ihre eigenen zu erkennen - und umgekehrt. Oftmals können wir dann am besten Feedback geben, wenn wir selbst dieses Muster haben uns aber dessen noch nicht bewusst sind. Das führt oft zur eigenen Bewusstheit, dass man dieses Thema auch hat. Dabei berücksichtigen wir die Spiegelgesetze. Diese besagen kurz gesagt, dass alles was uns an anderen besonders gefällt oder missfällt auch in uns ist - sonst würden wir darauf nicht reagieren.

Jenseits des Sharings

Ich vergleiche Sharing gerne mit klassischen Computerspielen: Jedes Thema ist wie ein Level und am Ende wartet ein "Endgegner" auf einen, den man besiegt. Man ist sich des Themas bewusst geworden und hat es abgelegt. Doch dahinter kommt ein weiteres Level, dass schwieriger ist und einen viel raffinierteren Endgegener besitzt. So kann man Runde um Runde "spielen" und erfährt so deutliche Verbesserungen. (Ich konnte beispielsweise alle oben geschilderten Erkrankungen deutlich lindern oder vollständig auflösen.) Dennoch endet das Spiel nie.

Und genau in dem Beispiel von mir ist gut erkennbar, was beim Sharing auch passiert: Wir lösen Dinge auf, fangen aber mehr und mehr an uns damit zu identifizieren, dass wir sie hinter uns gelassen haben. Hieraus resultieren neue Muster, beispielsweise, dass man anderen helfen will oder gar anfängt sie zu belehren oder ihnen Druck bei der Auflösung ihrer Muster zu machen. Diese neuen Muster und Identifikation sind dann schon viel schwerer zu erkennen und abzulegen.

Das bedeutet nicht, dass Sharing unwirksam wäre. Ganz im Gegenteil: Es verhilft uns zu einem deutlich entspannteren, glücklicheren und gesünderen Leben. Allerdings habe ich vor einer Weile erkannt, dass ich darüber hinausgehen möchte und einen anderen Weg für mich suche. Was ich genau gesucht hatte, wurde mir klar, als ich meinen neuen Lehrer Christian Meyer traf und im Sommer ein zweiwöchiges Retreat bei ihm besuchte.

Seine Arbeit zielt darauf ab, den Ursprung, aus dem dies alles entsteht, aufzulösen. Mit Ursprung ist hier der ichhafte Verstand gemeint, der uns ständig im Kopf beschallt: "Ich will dies!", "Ich mache das besser so und so." oder "Was denken die anderen nur wenn ich xyz tue." Aufzulösen meint hier nicht bekämpfen, den dadurch würde er nur stärker. Viel mehr geht es darum ihn loszulassen, wie Kinder die Geschichte des Weihnachtsmanns sobald sie erkennen, dass immer Onkel Otto in dem Kostüm steckt.

Diese Form der Bewusstheitsarbeit stellt ein Zurücktreten, Geschehenlassen und Annehmen in den Vordergrund. Meistens in Form von Partnerarbeit, bei der eine Person der anderen Fragen stellt. Diese verfolgen kein spezielles Ziel sondern das Anhalten des eigenen Ich. Begleitet wird die Arbeit davon, dass wir Dinge auflösen, an denen wir noch anhaften. Beispielsweise familiäre Themen durch Familienaufstellungen.

Ziel dieser Arbeit ist den natürlich Fluss des Lebens geschehen zu lassen. Das "Ich" tritt zurück, verliert seine Identifikation und meint nicht mehr handeln zu müssen. Das bedeutet nicht, dass nichts mehr geschieht und man nicht mehr handelt. Nur dass kein Ich mehr da ist, dass sich diese Handlungen zu Eigen macht.

Was willst du tun?

Diese Frage ist nicht als Aufforderung gemeint. Auch wenn man sie so verstehen kann. Denn "nichts" ist eine völlig legitime Antwort. Denn wer das Geschehenlassen anstrebt, der tritt wie beschrieben vom eigenen Tun zurück. Und damit auch automatisch vom Erwarten des Tuns bei anderen.

Wenn du aber Interesse an Bewusstheitsarbeit in der einen oder anderen Form hast, kannst du mich gerne anschreiben. Dann können wir zusammen schauen, was Du möchtest und welche Arbeit für Dich dafür geeignet ist. Ich würde mich darüber freuen. Und wenn nicht freue ich mich auch. So einfach kann Freude sein.

Tags: selbstfindung lwc12

Geschrieben von Jan Theofel am 17.10.2012 um 22:00 Uhr (Permalink)
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4 Kommentare zu »Selbstfindung/Selbsterfahrung - Session auf dem lifeworkcamp«

Neben dem ganzen Artikel, ist auch der letzte Satz echt gut! Ich habe an meiner Dunstabzugshaube folgendes hängen:

"Da es sehr förderlich für die Gesundheit ist, habe ich beschlossen glücklich zu sein!" (Voltaire)

1 | @philipw_smartx | 18.10.2012 um 9:33

Ich hätte da zwei Autoren zu empfehlen:
1. Hermann Hesse: (Alle Bücher)
2. Martin Buber ( Der Weg des Menschen)
Viel Freude und viel Erfahrungen sammeln beim Lesen.

2 | Monika | 25.11.2012 um 8:48

Irgendwie erinnert mich das "Sharing" aber auch ein wenig an "Auditing". Ist das gewollt oder eher Zufall? Grüße Peter

3 | Peter | 27.11.2012 um 7:06

@Peter: Da ich Auditing (noch?) Nicht kenne, kann ich das leider nicht beantworten. Aber ausschließen will ich das sicherlich nicht. ;-)

4 | Jan Theofel | 29.11.2012 um 17:03

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